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Foto Maurenbrecher

DAS JÜNGSTE GERICHT

Entschuldigung - ich glaub, ich hab mich in der Tür geirrt.
Ja nee, ich seh ja, hier ist ne Fete im Gange, und ich will wirklich nicht stören.
Ja, hübsch – ihr tragt hier drin alle Flügel... ich mein: Flügel in so’nem kleinen Zimmer, ist es nicht ein bißchen eng dazu hier drin und heiß? Könnt ihr denn damit hier drin überhaupt fliegen?
Was sagst du? Das Leben ist voller Überraschungen - das hast du sicher recht. Was’n das da? Ist das ein Aschenbecher? Was soll ich denn mit dieser kleinen Kugel, wieso gibst du mir die in die Hand? Was sagst du? Das ist – die Welt, das kleine Ding hier!? Wenn ich das jetzt also zerdrücke oder wegwerfe, dann...
Ihr seid ja wirklich gut drauf hier auf eurer Fete. Ich mein, es könnt ’n lustiger Abend werden, leider hab ich schon was vor...
Aber hör mal, dieser alte Typ da hinten, den hab ich doch schon irgendwo gesehen? Was macht’n der da dauernd? Hat der ne Klatsche oder was? Fummelt da ständig mit so ner Glocke rum, was will’n der? Jetzt kommt der auf mich zu. Na ja gut, okay, wenn dem so viel daran liegt, dann läut ich halt selber mal damit, gib schon her: Bim bam bim bam!! Zufrieden!?
Na, kein Grund, so aufgeregt zu gucken - man muß alles mal mitgemacht haben im Leben. Ist jedenfalls meine Devise.
So, und jetzt noch viel Spaß auf eurer Fete. Wo war hier gleich die Tür?

(aus der CD "LieblingsSpiele")


WESSI

Erinnerst du dich an diesen lauen Sommerabend Mitte der Achtziger? Die Regierung fuhr in die Ferien, die Kirschbäume trugen, die Bauern bekamen ihr Ruhegeld aus Brüssel, die vier Stadttheater in jedem Marktflecken spielten noch für viermal vier Enthusiasten, die Selbsterfahrungskurse waren am Blühen, die Staus überschaubar - und jeder Arbeitslose traf sich mit seinem Sachbearbeiter vom Sozialamt und fand mit ihm einen Weg –

    Oh Wessi,
    du hast bessere Zeiten gesehn,
    oh Wessi,
    warum muß die Welt sich drehn?

Da konnten die Kinder noch auf der Straße spielen, freiwillig zwanzig, forever young. Aids kam in einem Märchenbuch vor aus der Bronx, ein netter Onkel auf einem Spielplatz war wirklich noch ein netter Onkel – da liefen die Fabrikanten mit Schildern durch Fußgängerzonen: "Habe gerade meine Produktionsabläufe erweitert, biete vierzehntes Monatsgehalt”. So um Weihnachten wurden immer noch Päckchen gepackt für die drüben, literweise Coke, – und was haben wir für tolle Grillfeste gefeiert mit unsern ausländischen Freunden, mit Hatice und Ali – da liefen noch richtige Liebeslieder im Radio, auf deutsch und mit Anspruch – und Wohnungen, mein Gott, Wohnungen: Brauchst du eine, ich hab zwei übrig?

    Oh Wessi,
    du hast die besten Zeiten gesehn,
    oh Wessi,
    warum muß die Welt sich drehn?

Jetzt ist das alles schon lange ein Märchen. Heute bekommst du Besuch von deinem Schwager aus Chemnitz. Der Hund fährt das gleiche Auto wie du. Zwei rostrote geleaste Opel Omegas – nur den Aufkleber: ’Mein Freund ist Ausländer’, den hat der nicht. Du wirst mit ihm Holzkohle fahren holen fürs Grillfest, wirst ihn zur Montessori-Schule mitnehmen, die lieben Kleinen abholen, quer durch die von Nichtstuern geschüttelte Stadt, wirst ihm die elektronische Wegfahrsperre vorführen, die Nachtsichtbewachung am Haus – aber nichts davon wird ihn wirklich beeindrucken, denn neuerdings hat er das alles ja immer schon selbst - und trotzdem wird er nichts anderes tun als zu jammern darüber, wieviel schöner es früher war, in seinem Karl-Marx-Stadt...
Mein Gott, werden wir noch jemals so über’s Feuer springen wie damals, mit Hatice und Ali – warum sind die eigentlich weggezogen?
"Nu, hätt man’s anders gewußt, dann hätt man’s jetzt anders”, sagt dein Schwager und erkundigt sich, ob Club-Cola im Haus ist...
"Nicht schneller ans Ziel kommen, aber entpannter” – wer hat das doch gleich ge-sagt? Björn Engholm? Margot Honecker? Oder stand das in diesem verdammten Prospekt?
Und kein Wort von Kreditüberziehung – ich bitte dich – besser tu so, als wär deine Welt wär eine Scheibe...
"Wir haben verstanden!”
Oh Wessi...
(aus der CD "LieblingsSpiele")


SCHATTEN - WOLKE - SONNE

    So viele Bilder aus den paar Farben,
    so viele Lieder aus den paar Tönen,
    mach dir einfach ne Geschichte aus’n paar Worten,
    du kannst hin, wo du hin willst,
    das liegt da, um’s zu nehmen.
    So’n tolles Gebäude aus den paar Steinen,
    soviel Zauberei mit den paar Zahlen,
    so ne Unendlichkeit aus nur n paar Sekunden,
    hol dir ab, was du haben willst,
    das ist fertig zum Finden...

      Beim ersten Mal ist es vielleicht am schönsten,
      beim nächsten Mal wird es deshalb am schwersten,
      aber jedesmal ist es irgendwann Wonne,
      und der Schatten wandert mit der Wolke um die Sonne.

    So viele Gedanken aus den paar grauen Zellen,
    kannst doch immer wieder tanken, kannst dir neue bestellen.
    So ne reizende Kleinigkeit aus so ner groben Masse -
    du kannst das nachher nochmal umbaun,
    tauchs in Wasser, das wird klasse!
    Soviel Spuren im Sand von nur zwei nackten Füßen,
    so viele Muster in der Hand von den paar Küssen,
    so viele Tränen aus zwei Augen, die sich neigen -
    ey, da spiegelt sich die Welt drin jetzt,
    der Himmel hängt voll Geigen...

      Beim ersten Mal ist es vielleicht am schönsten,
      beim nächsten Mal wird es deshalb am schwersten,
      aber jedesmal ist es irgendwann Wonne,
      und der Schatten wandert mit der Wolke um die Sonne.

    So ne tolle Aufregung nach so ner kleinen Mühe,
    so’n winziges Schwungrad, und schon fliegst du in die Höhe,
    eine Raupe auf der Haut, schon fängst du an zu träumen,
    wer da sagt, ihm wäre langweilig,
    der träumt vielleicht Versäumen...
    Und was wartet im Busch da, was leuchtet im Dickicht?
    Du hast dir das selbst hergewünscht, also erschrick nicht,
    da drüben der Schmetterling, der zwischen den Zwigen hängt -
    du kannst sehn, was du sehn willst,
    und du weißt, wer an dich denkt...

      Beim ersten Mal ist es vielleicht am schönsten,
      beim nächsten Mal wird es deshalb am schwersten,
      aber jedesmal ist es irgendwann Wonne,
      und der Schatten wandert mit der Wolke um die Sonne.

(aus der CD "Weisse Glut")


DER BESUCH

Ich geh heut nicht raus auf die Straße. Ich will niemand sehen. Ich liege auf meinem Ruhesofa und bin erschöpft. Ich hatte drei Tage Besuch. Besuch eines jungen Landmenschen bei mir in Berlin – ich wußte gar nicht mehr, wie es ist, sich zwölf Stunden am Tag lang zu unterhalten. Unterhalten zu müssen! Jetzt weiß ich es wieder. Und ich begreife allmählich, wie erfrischend eine langjährige Ehe und eine leere Wohnung sein können.

Ich will niemanden treffen. Ich hab keinen Text für heut abend. Oder soll ich erzählen, wie ich vorhin beim Frühstück ausgerastet bin, als mein Besuch mir das Brotmesser aus der Hand reißen wollte: "Gib mal, laß mich mal – Mann, das sah aber gerade gefährlich aus"? Ich bin diesen Umgangston nicht gewohnt. Ich finde auch, man kann Weingläser ruhig von selbst abtropfen lassen, man muß die nicht unbedingt nachpolieren... Und man darf ruhig auch zwei Fernseher besitzen, einen im Schlafzimmer, einen im Arbeitsraum – ich wußte gar nicht, wie sehr mich Leute nerven, die andauernd beteuern, sie hätten kein TV, sie bräuchten das gar nicht. Na, von mir aus? Ja, unsere Videosammlung ist ziemlich groß, ja, Jen-seits von Eden, das haben wir auch... Mal kurz reinschauen? Nanu...

Das ist doch alles kein Gesprächsthema. Auch, daß ich 'Die Stadt hinterm Strom' von Hermann Kassack nie gelesen habe, wen interessiert denn das? Mich hat es nie interessiert, das Buch steht seit irgendwann bei mir im Regal, auf einem Trödel gekauft - jetzt muß ich es gar nicht mehr lesen, ich kenne den Inhalt auswendig. Und auf meine Stadt bin ich überraschenderweise seit neuestem richtig stolz. Ich finde wirklich nicht, daß sie so vollkommen verbaut ist und kalt und so anonym – ich mag jetzt sogar die Untertunnelung und die Bebauung vom Potsdamer Platz. Eigentlich bin ich mit meinem Besuch zu dem Aufmarschgebiet von Sony und Konsorten nur hingegangen, damit wir uns mal gemeinsam amüsieren – und eine Weile nicht reden müssen, das auch – ich hatte das Gefühl, jeder Berliner zieht grießgrämig mit seinem Besuch jetzt dort herum –, aber wenn ich dann andauernd dieses Gestöhne über die menschenfeindlichen Hochhäuser höre, die armen Bäumchen vom Tiergarten, die Tiraden gegen das Zentralistische, die deutsche Großmannssucht, das Gigantomanische, das sich im Architektonischen niederschlägt wie auch zwangsläufig in den Psychen der Hauptstadtbewohner – "Ihr seid doch hier alle schon wie gedoubelt – und, neben-bei, das mit dem Supertunnel zum Lehrter Bahnhof, das klappt nie, das kann gar nicht klappen, ich kenn da nämlich einen Statiker aus meinem Dorf, der hat eindeutig nachgewiesen, daß euer Grundwasserspiegel ..." – "Hör auf!"

Mein Hormonspiegel kommt erst langsam wieder ins Reine. Ich mach mir einfach einen faulen Abend mit Videos. Videos, die von Anfang bis Ende durchlaufen – ‘Jenseits von Eden’, das hab ich ja abgeschaltet, als mein Besuch mir sämtliche Szenen aus anderen Filmen, in denen James Dean mitspielt, angefangen hat zu erzählen... Ich will Salzgebäck. Ich will Ruhe. Ich will einen funktionierenden Transrapidtunnel direkt von diesem Bett hier auf die Kanarischen Inseln!

Mit dem Besuch, das fing schon an, nervend zu werden, als er mir schrieb, er käme am 15., und ich schrieb zurück, das wäre okay, und dann war seine überschwengliche Stimme auf meinem Anrufbeantworter mit der Nachricht, er käme dann also um 12 Uhr 30 am Bahnhof Lichtenberg an. Na, schön für dich, dachte ich. Ich bin zu gutmütig: Es ist ziemlich weit von hier bis nach Lichtenberg, eigentlich quer durch die Stadt – aber wie ruhig der Hinweg zur U-Bahn noch war, und dann die Fahrt selbst – wie ich noch gemähchlich, genüßlich in meiner Zeitung geblättert hab, wie ich da noch das Wort Jelzin lesen, denken oder sogar aussprechen konnte, ohne daß ich sofort ungefragt eine fremde Meinung zu Rußland, dem Reformkommunismus und seiner Beziehung zum Fundamentalismus um meine Ohren geschlagen bekommen hab...

Himmlische Ruhe. Gleich fängt hier die Lindenstraße an. 18 Uhr 40. Ich geh nirgendwo hin. Ich leg mich ins Bad und spann ab. Und falls irgendwas auf mich warten sollte heut nacht da draußen - denen schick ich mein Double. Mal sehen, wie der’s rüberbringt!

©M.Maurenbrecher


KLEINE FORSCHER

Hab ein Huhn an beiden Beinen rumgeschleudert - wollte sehn, ob es trotzdem noch hochfliegen kann. Mama kam dazu und meinte, mit mir würd’s wohl heute 'ne Menge Ärger geben. "Und schau mal, der viele Schnee” – als wenn ich das nicht schon längst selbst gemerkt hätte. Papa rief aus der Küche, ich sollte doch Brötchen holen gehn – und das ist wirklich das letzte, einmal als Brötchenholsklave zu landen. Warf einen Schneeball nach der Katze vom Nachbarhof. Papa kam mit dem Brötchengeld angerannt, kriegt mich natürlich nicht, und deshalb sagt er, dann sollt’ ich doch ne Weile Schneeforscher spielen. Auf den Feldern hinter dem Supermarkt. Das Geld könnt ich ruhig einstecken, als Schneeforscher weiß man nie... Ich fand das keine so schlechte Idee. Das Tor fällt ins Schloß. Keiner winkt mir nach. Alles eingefroren hier draußen. Auf einmal fror ich auch. Ich legte noch einen Zahn zu - als Reisender brauchst du nämlich eine echte Disziplin:

    Kleine Forscher im ewigen Eis
    wollen etwas finden, was die Welt noch nicht weiß.
    Mut ist die Voraussetzung, Einsamkeit der Preis
    für kleine Forscher im ewigen Eis.

Hatte natürlich meine Stabtaschenlampe mit. Und das Bild der kompletten Mannschaft von Bayern München – ohne das geh ich überhaupt gar nicht mehr raus. Die Stabtaschenlampe brennt von der Bushaltestelle bis in das Waschbecken vom Friseurladen rein, die ha’m vielleicht komisch gekuckt... War’n bißchen traurig, daß Sven und Robin nicht mit dabei sind, allein trau ich mir keine Mülleimer kippen. Aber doch auch froh, so allein. Bin überhaupt nicht langsamer geworden, als die Häuser aufhörten. Mit Sven und Robin hätten wir jetzt Blödsinn gemacht, aber so wars wirklich unheimlich, richtig Forschungsreisender. Eiskalt pfiff der Wind. War nur froh, daß die Spaste aus der Sechsten mich nicht abgefangen haben – die sind echt eklig. Für die ist das, was jetzt auf mich zukam, einfach nur ein verschneiter Kartoffelacker – na, deren Sorge...

    Kleine Forscher im ewigen Eis
    wollen etwas finden, was die Welt noch nicht weiß.
    Mut ist die Voraussetzung, Einsamkeit der Preis
    für kleine Forscher im ewigen Eis.

Als erstes hab ich ihn voll mit meiner Lampe angestrahlt. Bin ganz langsam draufzu. Mit Sven und Robin zusammen hätt ich natürlich gewußt, daß das ein Schneemann ist, mit ner Banane als Maul, wahrscheinlich hätten wir ihn umgestürzt. Aber das war kein Schneemann. Das hab ich sofort an seinen Augen erkannt – von weit weg, ganz heiter. Dann hat er gefragt, wie ich heiße. Er wär der Yetli, hat er gesagt – so ähnlich haben sie ihn neulich auch im Tabaluga-Club genannt. Yetli, der Schneemensch. Keiner, vor dem man Angst haben muß – jedenfalls nicht ich, mit meiner Forschungsreisenden – Disziplin. Wie er denn hier hergekommen ist, hab ich gefragt. Er wäre hier eigentlich immer, hat er geantwortet, nur zu einer anderen Zeit, vor fünftausend Jahren, wo’s andauernd kalt ist, und ich, ich wär jetzt gerade hier in seiner Zeit angekommen – nur, weil ich so ein mutiger Forschungsreisender bin. Ich hab mich umgeschaut, das ganze Dorf war weg. Nur ein paar Vögel, die um den Schneemenschen rumgeflattert sind. Da hab ich an das Huhn denken müssen – und ob es vielleicht Vorfahren hat, die über fünftausend Jahre vorausschauen – da bin ich dann gelaufen...

Naja, wo ich auf meinem Marathonlauf so direkt am Supermarkt vorbeikomm, hab ich dann doch noch Brötchen geholt. Mama hatte den Tisch schon gedeckt. Papa saß da und sah sehr zufrieden aus. "In einem anderen Leben”, sagt er, "war ich wahrscheinlich auch mal ein Brötchenholsklave.” Ich finde, das ist wirklich der falsche Ton. "Davon verstehst du nichts”, sag ich knapp und mach mich an meine Cornflakes. Jetzt sitzt er oben und klimpert ewig auf seinem Klavier. Versucht ne Idee zu finden für einen seiner Auftritte. Bildet sich wahrscheinlich ein, das wär alles von ihm selbst – dabei hab ich dieses Lied gesungen, seit ich überhaupt Schneeforscher bin... Sinnlos, ihm sowas zu erklären. Vielleicht bin ich ja einfach fünftausend Jahre älter?

    Kleine Forscher im ewigen Eis
    wollen etwas finden, was die Welt noch nicht weiß.
    Mut ist die Voraussetzung, Einsamkeit der Preis
    für kleine Forscher im ewigen Eis.

(aus der CD "Weisse Glut")


DU LIESST MICH IN DER TÜR STEHN, HEULEND

    Ich treib mich durch den Sommer nachts,
    Musik von sonstwo her.
    Gestern lief alles so elend schnell,
    heute geht alles so schwer.
    Wohin ich mich auch wend,
    ich hab nichts mehr, das brennt.
    Tauchtest du auf hier – ich wüßt nicht: küß ich dich oder kill dich,
    ich glaub, dich kümmert das auch kein Stück.
    Du ließt mich in der Tür stehn, heulend,
    wie soll ich dahinter zurück?

    Hier, wo ich bin, ist ein ganz trübes Licht,
    macht mich im Kopf leer und tot,
    und alle lachen, nur ich lach nicht,
    die Sterne: wie Kirschen rot.
    Ich klimper hier ein bißchen rum,
    hab meinen Ausgehschal um.
    Das Gespenst unsrer Liebe ist immer noch da,
    glaub nicht, daß es mich so bald verschont.
    Du ließt mich in der Tür stehn, heulend
    unter dem hohen Mond.

    Wenn sie mich kriegen, irgendwann wird das sein,
    nicht heute nacht und nicht hier.
    Ich könnt einiges dazu sagen, doch es fällt mir nicht ein,
    Gottes Gnade kommt auch mal zu mir.
    Fahr durch die Nacht dahin,
    Eiswasser fließt in mir drin.
    Ich wär ja verrückt, nähm ich dich zurück,
    das wär gegen jede Regel des Spiels.
    Du ließt mich in der Tür stehn, heulend,
    leidend wie ein Tier.

    Wenn der letzte Rest Tageslicht langsam verlöscht,
    Freundchen, gehst du in die Knie.
    Ich hör ein paar Glocken drüben vom Kirchhof
    und frag mich, für wen läuten die.
    Gewinnen ist nicht drin,
    nur mein Herz kriegts nicht hin.
    Gestern nacht tanzte ich mit einer Fremden,
    und ich wußte nur: Du bist das nicht.
    Du ließt mich in der Tür stehn, heulend,
    und der Blues flog mir ins Gesicht.

    Hab ich Hunger, dann ess ich, und ich trinke bei Durst,
    hab mir unterwegs nie was geborgt.
    Und selbst, wenn mir das Fleisch fällt aus meinem Gesicht,
    weiß ich, da ist jemand, der sich sorgt.
    Soviel bedeutet das mir,
    das kleinste Zeichen von dir...
    Ich seh dies ewige Erklären geht nach nirgendwo hin,
    hätt dich vielleicht gern noch was gefragt.
    Du ließt mich in der Tür stehn, heulend,
    alles ist gesagt.

(aus der CD "Weisse Glut")


MEINE ERSTE PLATTE

Meine allererste Schallplatte hab ich unter dem Funkturm gewonnen. Ich war zwölf, und wir hatten zuhause gar keinen Plattenspieler. Ich hielt dieses gerillte schwarze Ding in der Hand, und die Abneigung meiner Eltern gegen die moderne Technik war jetzt der Wall, der mich am Leben hinderte. In Berlin – in meiner Erinnerung – geht zu jener Zeit immer Hagel nieder. Als ich dreizehn wurde, hatte ich meinen Wunsch dann durchgesetzt – ein kleines Gerät mit Lautsprecher im aufklappbarem Deckel stand da, ein drehbarer Teller, ein ‘Plattenarm’, – ich hörte zum ersten Mal Töne aus jenen Rillen (was bis heute für mich ein Wunder ist), Ronnie: "Kenn ein Land, irgendwo...” Ich wußte sofort, daß es dabei nicht bleiben würde. Aber dies Lied war meine allererste Platte, eine Single natürlich, Kinder gewinnen meist Stückwerk.
Wenn ich aber von der LP erzählen soll, die es als erste geschafft hat, ihrerseits kleine klingende Rillen in mir einzugravieren, dann muß ich an meine Eltern denken. Sehr viel fixer als ich hatten sie damals nämlich, wo der unheimliche technische Kasten nun schon einmal im Wohnzimmer stand, ihre Schallplattensammlung beisammen. Jetzt wurden Mozart, Johann Strauß oder schlesische Adventslieder zum Kaffeetrinken gehört. Und noch eh ich mit ‘Beatles for Sale’, den Seekers oder den ‘Songs of Leonhard Cohen’ ankam, noch vor ‘Words of Love’ seh ich mich allein im dämmerigen Wohnzimmer hocken und den letzten Satz von Gustav Mahlers ‘Lied von der Erde’ hören, mit den Wiener Philhar-monikern und Kathleen Ferrier, dirigiert von Bruno Walter. Wie ich das Stück entdeckt habe, weiß ich nicht mehr – daß ich den vibrierend pathetischen Altstimmengesang hinnahm, erstaunt mich bis heute –, aber der Abschied, der in den Worten zelebriert wurde, zusammen mit dieser irrwitzig lautmalerischen Musik, die ja ein Aufbruch ist in die fremde Welt – das hat mich damals begeistert. Ich nahm mir vor, überall hinzugehen, kleiner Forscher, der ich war, nach China, in den Regenwald (überall hin, wo ich bis heute nicht gewesen bin), und den herrlich schlagerhaften Melodiebogen zu den Zeilen "Du mein Freund, mir war auf dieser Welt das Glück nicht hold”, den hörte ich wie ein Versprechen. Die Geräusche von der Straße unten passten zu der Musik, das Wandern der Scheinwerferpaare auf der Zimmerdecke, der Einbruch der Dunkelheit. Und ich wollte allein sein.
Sobald die Schritte der anderen draußen zu hören waren, schaltete ich ab – oder wechselte wohl schnell zu Ronnie zurück, der dann später von Johnny Cash abgelöst wurde: "Kenn ein Land, irgendwo, geht jeden Morgen die Sonne auf...”
©M.Maurenbrecher, März 99

Auftritte
Biographie
Medien
Discographie
Scala Künstler

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Von Manfred Maurenbrecher erscheinen regelmäßig Texte in dem Magazin SALBADER. Viele dieser Texte sind nachzulesen auf der SALBADER-Website www.thing.de/salbader

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Robert Weißenberger
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