Der folgende Text ist ein Auszug aus dem sehr vergnüglichen und daher empfehlenswerten Krimi "Heideblues" von Egon Olsen, erschienen im Herbst 2005 im KBV-Verlag
(www.kbv-verlag.de)
Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Verlages.

Egon Olsen
Heideblues

Die Autobahn ist eine merkwürdige Sache. Hier treffen in ständiger Lebensgefahr die unterschiedlichsten Menschen aufeinander: dösende LKW-Fahrer, halsstarrige Senioren, junge Hitzköpfe, angstvoll an die Mittelspur geklammerte Frauen, Männer mit schwelendem Tunnelblick. Die Überholspur ist eine einzige Schlange, da kommst du von rechts nur rein, indem du links einem vor die Nase fährst und ihn zum Bremsen zwingt. Hast du das geschafft, musst du ganz dicht am Vordermann kleben, sonst schert hinter jedem Laster ein Kleinwagen aus, quetscht sich in die Lücke und zwingt dich selbst zum Bremsen. Derweil blinkt zwei Meter hinter dir ein schwarzer Audi, obwohl der Schafskopf genau sieht, dass vor dir nicht frei ist. Und spätestens, wenn der dich rechts überholt, fällt dein Verstand aus dem Fenster. Ab jetzt gibst du Vollgas und riskierst alles. Du wirst zum Vollidioten, zum rasenden Vollidioten in einem rasenden Konvoi enthemmter, rasender Vollidioten.

Ich treffe zwar immer wieder Männer, die das für ihre Person zurückweisen und behaupten, sie seien total gelassene, defensive Fahrer. Aber das sind die Schlimmsten. Entweder lügen sie nämlich, oder es sind Oberlehrer – die Typen, die sich im Schneckentempo links neben einen Laster heften und schwer atmend ganze Vollidiotenkonvois blockieren, bis hinter ihnen die nackte Mordlust ausbricht.

Das ungeschriebene Gesetz der Autobahn lautet: Steck dir das geschriebene sonst wohin, gib Gas und bete. Es gibt nur eine Möglichkeit, dem aggressiven Sog zu entgehen – Ablenkung. Zum Beispiel durch eine aufregende Beifahrerin oder durch schöne Träume, Luftschlösser, Pläne: Man braucht einen Anlass für ein intensives Gespräch oder Selbstgespräch.

An diesem Samstag fehlte mir nur die Beifahrerin; Träume hatte ich so reichlich, dass ich das höllische Gerangel und Gedrängel um mich her kaum wahrnahm. Ich hatte mein ganzes Zeug schon vor der Fahrt in den Fußraum vor den Beifahrersitz geworfen, die Colaflasche klemmte im Handschuhfach – es konnte also nichts rutschen oder fallen. Der Diesel war hübsch in Schwung, ich kam gut voran. Am Berg bemerkte ich im Rückspiegel gelegentlich eine gewisse Nervosität, aber die da hinten hätten mir lieber dankbar sein sollen, ein Leichenwagen ist nämlich kein übler Schrittmacher – wo so eine düstere Todesmahnung von hinten angedonnert kommt, weicht man ganz gern zur Seite.

Während ich lenkte, riss ich den Mund auf und schnitt Grimassen dazu. So musste es zumindest von außen wirken, aber an befremdete Blicke war ich gewöhnt, die konnten mich nicht vom Singen abhalten. Schon gar nicht an diesem Tag. Ich sang Randy Newmans boshaftes Couplet über Simon Smith und seinen Tanzbären. Darin geht es um das fröhliche Leben mittelloser Künstler:

I may go out tomorrow if I can borrow a coat to wear
Oh, I'd step out in style with my sincere smile and my dancing bear

Es war nicht allein das Lied, das mir Spaß machte. Es war vor allem die Aussicht, endlich der Lage zu entkommen, die es beschreibt. Wenn der große Dr. Günther Didier Recht hatte – und in solchen Dingen war auf ihn meist Verlass – würde meine ewige Geldnot bald ein Ende haben. Was für eine unglaubliche, herrliche Aussicht auf Erlösung! Songschreiber zu werden, war der größte Fehler meines Lebens gewesen. Nicht, weil ich nicht gut genug war – ich gehörte zu den besten. Mein Problem war gerade meine Schwäche für Qualität. Nach herrschender Auffassung muss Musik »aus dem Bauch« kommen. Ich dagegen konnte Geräuschen aus dem Bauch noch nie besonderen Hörgenuss abgewinnen. Ein guter Song kann alles ausdrücken; Gefühle wie Wut, Ohnmacht, Einsamkeit, Liebe oder pure Lebensfreude, er kann spotten, protestieren, bloßstellen, argumentieren und so weiter. Wenn er allerdings Gehör finden will, lässt er das alles bleiben und bleibt konsequent im Seichten. Und da zu schreiben, im Seichten, ist mir immer schwer gefallen. Zeilen wie Marmor, Stein und Eisen bricht / aber unsere Liebe nicht hätte ich überhaupt nie hingekriegt. Und wenn doch, hätte ich es richtig machen müssen: Marmor, Stein und Eisen brechen – und das wär‘s ja wohl schon gewesen. Ehrlich gesagt, hasse ich die Masse von Herzen für ihren Geschmack. Und Leuten gefallen zu müssen, deren Geschmack man zum Kotzen findet, ist eine eklige Lebensaufgabe. Das Schlimmste dabei: Selbst wenn du dich überwindest und verleugnest und so schmalzig daherkommst, wie es irgend geht – das Publikum spürt mit sicherem Instinkt, wenn du es nicht ehrlich meinst. Wirklich begeistern kann es sich nur für Kitsch, der von Herzen kommt – und von meinem Herzen kommt was anderes.

Trotz alledem hatte ich jetzt, nach all den Jahren, anscheinend doch noch irgendwie ins Schwarze getroffen. Mit etwas Glück würde ich bald nicht mehr den Tanzbären spielen müssen. Natürlich wusste ich aus drastischer Erfahrung, dass kein Pflänzchen dieser Welt so zart und empfindlich ist wie die Erfolgsaussichten in meinem Geschäft, aber eine Chance wie diese musste man erst einmal haben.

Ich konnte das Aufatmen im Pulk der Linksfahrer förmlich spüren, als ich endlich nach rechts ging und die Ausfahrt nahm. Schwungvoll lenkte ich den Diesel auf die Landstraße. Wenn ich geahnt hätte, was mich erwartete, wäre ich auf der Stelle umgekehrt.

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