SPLIFF UND PULS UND ALL DIE ANDEREN

von Manfred Maurenbrecher

Früher gab es Schallplatten. Früher gab es Studios mit soliden Vierundzwanzig-Spur-Bandmaschinen und Achtundvierzig-Kanal-Mischpulten, wohnzimmertafelgroß und zweihunderttausend Mark schwer. Manche dieser Studios waren sagenumwoben, so wie die Hausherren darin mit ihren soliden Kontakten zur Schallplattenindustrie und ihren freundlichen Verbindungen zu den Künstlern, deren Musik sie aufnahmen. Eine Schallplatte herstellen war eine Epoche lang ein wenig wie Philosophieren – in einem Studio arbeiten hieß, sich in einer ganz eigenen Welt verlieren. Nicht jeder kam herein, nicht jeder fand heraus.

All das gibt es noch – aber statt Schallplatten hören die Menschen CDs, digital werden die Klänge aufgenommen, das heißt mit Geräten, die nur ein Zehntel der soliden alten Studiomaschinen kosten und ungefähr das gleiche leisten – und vertrieben wird das Ganze von einer Industrie, die sich angewöhnt hat, ihre größten Umsätze durch die Wiederauflage der analogen Musik auf den neuen Tonträgern zu erzielen, leistungslos, durch Ausbeutung ihres 'back'-Katalogs also. Was früher ein Traum war, ist möglich geworden: Jeder musikalische Computerfreak kann sich seine eigene rauschfreie Musik herstellen und per CD-Brenner vervielfältigen; was schon früher ein Albtraum war, aber auch: Es gibt keine Pfadfinder mehr, die aus dem Wust der Trends das Zukünftige filtern. In keiner Branche dreht sich das Karussell von 'hire and fire' so fix wie in der Tonträgerindustrie.

Mir fiel das spätestens auf, als ich Ende letzten Jahres wieder einmal bei der mittelkleinen Firma in Frankfurt am Main anrief, die meine letzten drei CDs vertrieben hatte. Ich hatte Demos dorthin geschickt, denn ich texte und komponiere regelmäßig, und mir war danach, bald wieder eine neue Sammlung von Liedern aufzunehmen. Zum dritten Mal im gleichen Monat meldete sich eine andere Stimme dort drüben. Erst hatte es mich erschrocken, dann wütend gemacht, jetzt fand ich es komisch. Ich nannte meinen Namen und fragte: "Und?" - "Was 'und'?", fragte die neue Stimme. "Na – zum Beispiel, wie lang Sie schon da sind?" – "Vier Tage. Aber..." - "Und!?" – "Was 'und' jetzt?" – "Macht's Spaß!?" – "Ja. Ganz super!" Für die Leute in der Tonträgerindustrie ist vieles, was anderen nur alltäglich ist, schnell mal 'ganz super' – vielleicht aus der Ahnung heraus, wie schrecklich kurz die Zeit sein wird, die sie am gleichen Schreibtisch verbringen werden. "Und das Betriebsklima", fragte ich weiter. "Voll Klasse!" - "Und meine Demos für die neue CD?" Ein kurzes Zögern, dann: "Auch Klasse, aber..." Da bekam ich die Eingebung, daß die Leute aus der Tonträgerindustrie vielleicht am Ende zu variablen Warteschleifen in ihren hauseignen Telefonanlagen mutieren werden. Ich sagte: "Hören Sie doch mal rein! Ihren Namen merk ich mir erst, falls Sie in vier Tagen immer noch da sind. Wissen Sie übrigens noch, mit wem Sie grad sprechen?" – "Ehrlich gesagt: Nein." – "Aber bei welcher Firma sie momentan arbeiten?..." "Nein. Ah: doch, Augenblick, aber... Gleich hab ich's, warten Sie..."

Natürlich hat es zu allen Zeiten Deppen gegeben, aber auch ihre Chefs, die Regulierer und 'elder statesmen'. An einige von ihnen kann ich mich gut erinnern – wenn man seit zwanzig Jahren Musik macht, trifft man ein paar davon: Fritz Rau, Siggi Loch, Jim Rakete – man mußte sie nicht sympathisch finden, aber sie wußten in dem Bereich der Kultur blind Bescheid, in dem sie ihr Geld verdienten. Um sie herum auch damals immer eine Rotte von rotäugigen, schnupfenden Wildhunden, deren einziges Markenzeichen es war, jung und unbedenklich zu sein. Einer von ihnen würde das Rennen machen – Vizechef, das wußten alle – und wer es dann wurde, der nahm wie über Nacht die Staatsmannrolle an, bekam das Pokerface, das gefrorene Lächeln – egal, in welchem Punkschuppen er seine Karriere begonnen hatte. Ein wenig war das in der Tonträgerindustrie der Achtziger schon so, wie es jetzt in der Politik wird. Nur: ein Pokerface macht keinen Staatsmann, nicht einmal in der deutschen Filiale eines Medienkonzerns. Die Tonträgerindustrie hat also hinter sich, womit die Politik sich noch abmüht: Deregulierung. "Everything passes, anything goes" (siehe auch 'Die Werte des Hauses Europa...').

"Vergiß was du grad gedacht hast", dachte ich. Puls, eine Band, mit der ich ein paarmal aufgetreten bin, hat einen Übungsraum im Wedding, im zweiten Stock eines Jahrhundertwende-Gebäudes, einer ehemaligen Stallanlage der Berliner Pferdebahn. Ein Zimmer voll mit Instrumenten, nicht größer als eine durchschnittliche Küche. Wir hatten dort geprobt, jetzt ließen wir einfach zwei digitale Aufnahmegeräte mitlaufen, während wir Lieder spielten, die ich mir ausgedacht und den anderen gerade erst vorgespielt hatte. Schlagzeug, Baß, Gitarre, Akkordeon, ein kleines E-Piano für mich. Was 'auf Band' war, hörte sich ziemlich wild an. "Genau das ist es", fanden wir, und Andreas Albrecht, Schlagzeuger und Sänger von Puls, rief: "Ich produzier das!" - "Aber nur, wenn meine Stimme am Ende lauter ist als der Rest", sagte ich, denn ich bin kein Rocksänger, sondern ein Geschichtenerzähler am Klavier. Wir hatten alle keinen Moment lang das Gefühl, einer 'Schallplattenaufnahme' beizuwohnen. Wir waren damit beschäftigt, den Rhythmus herauszufinden, die Textblätter auf dem Mini-Klavier zu balancieren, einen Hustenreiz zu unterdrücken. Melodien und Dialoge fanden sich wie von selbst. Das Thema des ganzen Werks ergab sich später von selbst. Keiner hatte die Chance, ein 'Konzept' zu fordern oder eine 'Single'. Als wir, diesmal bei Andreas zuhause, die Chorstimmen dazutaten und die jetzt schon immense Datenmenge in einem kleinen Computer vorbeischwanken sahen, schloß ich die Augen – aber sicher wie ein Lastesel balancierte der Rechner unsere Fracht ans Ziel. Später wechselten wir in ein besser gerüstetes Studio in Moabit, Huttenstraße, und ich mußte noch etwas Geld zahlen. Wir mischten und masterten, also: gaben dem Ganzen Schliff. Jetzt war es fast schon wie früher – gefährlich, wir fingen an, zu mäkeln und zu korrigieren... "Also, Schluß", sagten wir, und: "Grad noch den Moment erwischt, wo es frisch bleibt". Ich schickte die Dat-Kassette an ein kleines Label in Lübeck namens Conträr-Musik: Ein Ein-Mann-Betrieb – also die Möglichkeit der dauernd wechselnden Telefonstimme denkbar klein.

Und ich dachte kaum daran, daß ich vor 18 Jahren in der Huttenstraße in Moabit auch schon Schallplattenaufnahmen gemacht hatte, als die Räume noch der Gruppe Spliff gehörten und vollstanden mit jenen soliden Bandgeräten und Mischpulten, die dazugehörten, wenn man was geltenwollte. Nur im Flur blieb ich manchmal stehen, der hatte den gleichen Geruch wie damals, ich sah mir zu, wie ich mir damals zugesehen und wie ich gedacht hatte: "Jetzt bist du drin, aber raus findest du jederzeit."

© Manfred Maurenbrecher Oktober 99, Erstdruck in 'Der Tagesspiegel",
1.11.99

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