Sigi Maron:
Brief einer langjährigen Mitarbeiterin an den Chef von Sony-BMG Europe

(aus dem noch unveröffentlichten Roman "Schmelzwasser")

Sehr geehrter Herr Steinkamp,

letztes Jahr, kurz vor Weihnachten, waren Sie bei uns in der Firma und haben uns präzise, ohne "Wenn und Aber" erklärt, dass ein erheblicher Teil der Mitarbeiter den Arbeitsplatz verlieren wird. Grund sei die Fusion von zwei Giganten der Musikindustrie, Sony und BMG. Bei beiden seien die fetten Jahre längst vorbei, weil sich sehr viele Menschen des Schwerverbrechens unerlaubter Downloads schuldig machen und damit nicht nur die Musiker, sondern vor allem die Aktionäre um ihr hart erarbeitetes Geld bringen.

Möglich, dass dies eine der Ursachen ist. Möglich, dass diesen ewig gleichen Einheitsbrei niemand mehr hören will. Darf ich Sie aber trotzdem fragen, wo das viele Geld geblieben ist, die Millionen und Abermillionen die die Musikindustrie jahrzehntelang mit überhöhten, heimlich abgesprochenen Preisen erzielt hat. Haben die Aktionäre das alles verprasst, im Meer versenkt, am Lagerfeuer verbrannt?

Seit 34 Jahren – in Worten vierunddreißig – arbeite ich als Buchhalterin in dieser Firma. Manchmal habe ich mich über eigenartige Buchungen gewundert. Die Wirtschaftsprüfer haben alles für in Ordnung befunden, das sind gelehrte Leute, da darf man nicht zweifeln. Zweifeln darf ich aber an der neuen Art der Geschäftsführung, die mit der Fusion einhergeht. Nach vierunddreißig Jahren nehmen Sie mir ohne "Wenn und Aber" meinen Arbeitsplatz. Vierunddreißig Jahre Erfahrung und Wissen werden freigesetzt, wie der Entzug der Existenz beschönigend bezeichnet wird. Ihr neuer Statthalter ist der fünfte Geschäftsführer in meiner mit Zahlen gespickten Laufbahn. Haben Sie oder einer Ihrer tüchtigen Manager nachgedacht, was ich mit meinen 54 Jahren jetzt noch anfangen soll? Haben Sie jemals über Menschen nachgedacht?

Die Buchhaltung wird ausgegliedert. Das haben irgendwelche rationalisierungswütige Sanierer in diesem Konzern beschlossen. Lassen Sie jetzt in Indien buchen oder in der Ukraine? Ukraine wäre gut, dort hat ja dieses Jahr der Eurovisions-Songcontest stattgefunden, da bietet sich dieses Land ja direkt an.

Brauchen Sie überhaupt noch eine Buchhaltung? Sie zahlen ja sowieso wie alle großen Konzerne keine Steuern, da brauchen Sie ja eigentlich gar nichts aufzeichnen. Oder doch ein bißchen doppelte Buchhaltung, eine für die Steuer, eine für die Aktionäre. Interessant ist ja nur die Rentabilitätskurve. Bei einer Mitarbeiterversammlung in München haben sie gesagt, eine Rendite von 10 % ist ein Schas im Wald, unter 15 % geht überhaupt nichts. Sie sollten sich ein Beispiel am Chef der Deutschen Bank, dem Herrn Ackermann, nehmen, der redet von 25% und mehr.
Was machen Sie, wenn es keine Menschen mehr mit Arbeit gibt. Sie haben dann auch keine Konsumenten mehr. Spielen sie sich dann gegenseitig den Mist vor, den Sie und Ihresgleichen als Musik verkaufen möchten? Oder fusionieren Sie dann mit einem Konzern der pharmazeutischen Industrie. Als Brechmittel lassen sich ihre Produkte allemal noch verkaufen. Sozial ausgewogen werden die Personalreduzierungen sein, haben Sie gesagt. Ihr Statthalter muss da etwas missverstanden haben. Oder heißt ausgewogen rausgewogen, und alle mit mehr als sechzig Kilogramm Körpergewicht müssen raus. Junge, nicht ganz so gut genährte Mitarbeiter dürfen bleiben? Jedenfalls hat Ihr Büttel alle Mitarbeiter über vierzig Jahren, nicht Kilo, gekündigt, nein, stimmt so nicht. Die Dienstverhältnisse wurden einvernehmlich gelöst. Klingt entschieden besser. Macht aber für uns keinen großen Unterschied. Der Job ist weg. Je mehr Arbeitslose, desto höher die Gewinne.

Für viele Menschen »nicht nachvollziehbar« sei das Verhältnis von Rendite und Beschäftigung, empfand Angela Merkel. »Eine Geschmacklosigkeit, eine Unfähigkeit«, wetterte CSU-Chef Edmund Stoiber. Das war der Kommentar der Kommunisten Merkel und Stoiber zur Aussage des Chefs der Deutschen Bank. Der Bankchef hat angekündigt, die Rendite seines Unternehmens auf 25 Prozent zu steigern und zu dem Zweck weitere 6500 Jobs zu vernichten. Ja und? Gibt es einen deutschen oder europäischen Konzern, der etwas anderes tut? Hat Ackermann in der Vergangenheit etwas anderes getan? Machen Sie etwas anderes? Treiben Sie nicht die arbeitslosen Massen den Nazis und Rechtspopulisten in die Arme? Ist es Absicht? Haben die Industriellen schon wieder Ihre Kontakte zu den rechten Mördertruppen hergestellt, um den Rest der Bevölkerung besser kontrollieren zu können?

Das Sozialsystem ist nicht mehr finanzierbar? Klar, wenn Konzerne wie Ihrer keine Steuern mehr zahlen, wenn der Rest der Gewinne in irgendwelchen, obskuren Stiftungen verschwindet. Klar, wenn das Kapital gar nicht mehr oder nur minimal besteuert wird. Freier Kapitalverkehr, überall auf der Welt. Noch nie ist so viel nichtproduktives Kapital in der ganzen Welt herumgeschoben worden wie heute. Einziger Zweck: Spekulation. Umweltstandards, menschengerechte Entlohnung, Bildung, medizinische Versorgung, alles unnötige Belastung. Verursacht nur Kosten.

Schon mal gehört von der Tobin-Steuer? Die Tobin-Steuer würde wie ein Filter wirken: Sie hält das unerwünschte "hot money" zurück, ist aber durchlässig für Handelsgeschäfte und langfristige Investitionen. Spekulative Transaktionen (Überliquidität) werden abgebaut, Kapitalströme entschleunigt. Es geht darum, "Sand ins Getriebe" zu streuen (Tobin), nicht das Getriebe zum Stillstand zu bringen. Die Tobin-Steuer würde nicht nur die Finanzmärkte stabilisieren helfen, sondern sie könnte auch zu einer zentralen Quelle für die globale Armutsbekämpfung werden: Bei einem Steuersatz von 0,25% wären - selbst wenn das Volumen der Devisentransaktionen um die Hälfte zurückginge - Einnahmen in der Höhe von 250 Milliarden Dollar zu erwarten. Für die Beseitigung der schlimmsten Armut und der gravierendsten Umweltschäden sind laut UNO jährlich 225 Milliarden Dollar nötig.

Utopie? Nein. Utopisch ist es an das Gewissen der Reichen zu appellieren. Freiwillig wird niemand was abgeben. Ich gebe jetzt meine Schlüssel ab, putz mir noch einmal die Nase, werfe das benutzte Taschentuch in den Papierkorb, gieße zum letzten Mal den Gummibaum und verlasse das Haus für immer. Mit einem fröhlichen, selbstverfassten Lied auf den Lippen, für das ich niemanden Tantiemen schulde, begebe ich mich nun auf das Arbeitsamt und reihe mich ein in die Schlange der Wartenden. Mit der Hoffnung, dass in absehbarer Zeit Sie und Ihresgleichen nur mehr als Staub die Erde verschmutzen werden, verbleibe ich. Ja, ich verbleibe. Ich verbleibe. Verbleibe.

(12/ 2005)

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