Der folgende Artikel von Matthias Altenburg wurde in der ZEIT 42/99 anlässlich der Frankfurter Buchmesse erstveröffentlicht.

Die Wiedergabe auf der SCALA-Website erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Matthias Altenburg lebt als Schriftsteller in Frankfurt a.M.

Von ihm wurden bisher folgende Bücher veröffentlicht:
1985 "Fremde Mütter, fremde Väter, fremdes Land”
---(Konkret Literatur Verlag)
1992 "Die Liebe der Menschenfresser”
---(Piper Verlag)
1994 "Die Toten von Laroque”
---(Eichborn Verlag)
1997 "Landschaft mit Wölfen”
---(Kiepenheuer & Witsch)
2004
"Ein allzu schönes Mädchen" (als Jan Seghers, Wunderlich Verlag)
2005 "Die Braut im Schnee" (als Jan Seghers, Wunderlich Verlag)


Matthias Altenburg

FRANKFURT, BLICKE

Alles wie immer; die Stadt ist müde, aber tut, als sei sie auf Koks. Sind schon wieder reichlich Japaner unterwegs. Im Kaisersack torkelt eine betrunkene Nutte, macht eine fahrige Bewegung, hilfesuchend, hin zu dem jungen Mann im Anzug, der aber weicht ihr aus, die Nutte strauchelt, fällt, heult und schimpft dem Anzug hinterher: "Verpiß dich, du Wichser."

Muß natürlich weg, die Nutte, zwei Sheriffs kommen mit ihrem Köter, ziehen Aids-Handschuhe an, packen die Frau von hinten und bugsieren sie in eine Nebenstraße, da, wo sowieso der Rotz zu Hause ist, wo die Junkies und Cracker zwischen den Bordsteinen puhlen.

Manchen gefällt es, Frankfurt als gefallenes Mädchen zu sehen. Aber warum? Wegen Rosemarie Nitribitt? Wegen des Bahnhofsviertels? Oder weil diese Stadt noch immer die Beine breit gemacht hat für das nimmersatte vagabundierende Kapital? Man spricht von Wiesbaden, aber über Frankfurt, hat Onkel Heinz gesagt, der daheim ist in der Schwalm, wo man an Frankfurt denkt wie an die Hölle. Höchstens, dass man mal in den Zoo fährt mit den Enkeln, eine viel zu teure Cola trinkt, vielleicht noch kurz über die Zeil, dann aber nichts wie weg, nach Hause, wo Frankfurt wieder bloß ein Pixelbild ist, flimmernder Alptraum, allabendlich präsentiert in der Hessenschau. Und doch auch Sehnsuchtshimmel aller Streunerinnen aus dem Vogelsberg. Den ganzen Tag die Flugzeuge am Himmel, knapp unterm Tagmond, knapp überm Messeturm, immer mehr. Scheint ja wohl in die Welt zu gehen, von hier aus. Und die Welt sich hier zu treffen.

In Frankfurt weiß man nie so genau: Geht die Stadt gerade vor die Hunde oder holt sie nur Luft für den nächsten Boom. Im Moment jedenfalls gibt es kaum ein Haus, an dem nicht ein Gerüst stünde, kaum eine Kreuzung, die nicht eine Baustelle wäre. Vielleicht hat ja auch das mit dem Ende des Jahrhunderts zu tun, dass man, wenn sich schon sonst nichts bewegt, wenigstens so tun muß, als sei Leben in der Bude. Oben balancieren die Arbeiter - junge Polen zumeist, die man für fünf Mark die Stunde hinter der Großmarkthalle mieten kann - , hören aus kleinen Kofferradios die Schlager der Saison, manchmal singt einer ein östliches Kirchenlied, und pfeiffen den Mädchen nach, die in kichernden Pulks aus der Schule kommen, wo sie wahrscheinlich wieder nichts gelernt haben, außer, dass es das Kapital sei, das arbeite.

Was für ein Kaff das hier ist, merkt man immer erst, wenn man aus einer richtigen Stadt kommt, am besten von oben und runterguckt auf diesen Klacks im Grünen, der so wichtig tut, so, als sei er was. Sechshundertfüfnzigtausend Einwohner und vierundzwanzig Prozent landwirtschaftliche Nutzfläche, ich meine, was soll das sein, da könnte man sich doch mal bescheiden. Aber nein, immer soll es noch höher, noch schneller gehen. Dabei ist alles piefig, hessisch, klein. Was ja in Ordnung wäre, trüge die Stadt nicht dauernd ihren Zug zum Höheren zur Schau. Wo alles so wirkt, als sei es viermal größer als es tatsächlich ist, lebt man ständig über seine Verhältnisse, geht seinem eigenen Image auf den Leim und redet sich selbst besoffen: von wegen Drehscheibe, Bankenmetropole, Finanzmagnet, heimliche Kapitale, Großstadt mit Herz, Weltstadt mit Flair. Wer braucht das, wer glaubt das, wer will solche Sprüche? Aber sie werden geschrieben, gedruckt, verbreitet. Na freilich, gibt ja auch das Geschäft für Übergrößen: "Modischer Chic von mollig bis dick - Viel Mode für viel Frau."

Ahh ja, die Skyline, warm am Bein läuft’s ihnen runter, den Lokalpolitikern, Stadtplanern, Fremdenführern, wenn sie auf die Skyline zeigen. "Keine andere deutsche Stadt...", sagen sie. Und die delirierenden Manager der Deutschen Bank schmieden Geheimpläne zur feindlichen Übernahme Frankfurts, als sei die Stadt ein Kasten Playmobil. Aber die Grünen finden, dass man jeden Vorschlag vorbehaltlos prüfen solle, auch diesen. Was ist das nun? weltoffen oder Arsch offen? Freilich, man hat sich eingerichtet in den Begriffen: Standortvorteil, Finanzplatz, Urban Entertainement Center, Hochhaus-Cluster. Man spricht das aus, ohne zu stottern, in diesem Schlips-und-Kragen-Ton, und schon kriegt der Rest der Welt einen trockenen Hals, schon bläht alles die Nüstern, egal wie kritisch es sich gestern noch gerierte. Weil, wenn etwas erstmal benannt ist, wer wollte es dann noch in Frage stellen.

Die alten Frauen schlurfen in Pantoffeln durch den Supermarkt, drei Teile im Wagen, nur das Nötigste und nur das Billigste: Fläschchen Weinbrand für acht Mark, Kilo Nektarinen für einsachtunddreißig, Tafel Schokolade für achtundsechzig Pfennige. Dann an der Kasse im Portemonnaie gekramt: "‘S reischt ned, muß isch morje nochma komme." Die serbische Kassiererin stöhnt und ruft ins Mikrofon: "Herr Dogruloglu, bitte Kasse drei, Herr Dogruloglu, bitte Storno".

Wenn schon Psychologie, dann interessiert mich nur noch diese Frage: Ob die vorkommen, in den Gedanken und Träumen unserer Oberbürgermeisterin: die alte Frau, die serbische Kassiererin, der Herr Dogruloglu? Und wenn ja, wie? Oder besser gefragt: als was? Eine Untersuchung hat ergeben, dass zwanzig Prozent der Einwohner Frankfurts unterhalb der Armutsgrenze leben, jeder Fünfte. Und: Das Rhein-Main-Gebiet ist die wirtschaftsstärkste Region Deutschlands. "Ein Zeichen von Leben" allerdings, schrieb die Financial Times, finde man in Frankfurt "nur auf der Autobahn".

Ahh was, Leben, wo man auch hinschaut, was man auch hört: Das handelt und wandelt, das wuchert und schachert. Mittags dann: Chikago Meatpackers oder Sushimoto. Weltniveau. Banker, Werber, Netzwerkspzialisten, Elite, das alles, jung, hochqualifiziert, im Zweifel ungebildet. Gutgelaunt und modisch natürlich on top. Denn am teuersten gekleidet ist man immer dort, wo es am unseriösesten zugeht. In den Banken, den Agenturen, den Autosalons. Das rackert zwölf Stunden, das huscht dann in die Puffs und hängt noch ab beim Tabledance. "Gerade die streßgeplagten Banker verlangen immer öfter nach einem Gegengift zu ihrem kunstfremden Arbeitsalltag", sagt Peter Eschberg, der Schauspielintendant, damit wir auch wissen, was man hier unter Kunst versteht. Theater hin oder her, die moralischen Anstalten dieser Stadt sind: Messe, Dancefloor, Hurenhaus.

Und wo sonst in der Republik wäre man so schön korrupt. Bundesgrenzschutz-Beamte als Großdealer, Flughafenmanager kassieren Millionen ab, und die Konzernprüfer des Finanzamtes lassen sich abwerben von jenen Großbanken, die sie gerade noch geprüft haben. Stand gerade in der Zeitung. Wem, angesichts dessen, soll man erklären, dass ein Banküberfall illegal sei. Unerträglich, sagt ein Politiker. "Läbbe gehd weiter", sagt Stepanovic.

Immerhin, das Verhältnis der Frankfurter zu ihrer Stadt ist gelassener als das der Bewohner anderer Metropolen. Nichts, was mit der bajuwarischen Selbstgewißheit der Münchner zu vergleichen wäre, nichts vom preußischen Hauptstadtgedröhne der Berliner, nichts von den hanseatischen Spitzigkeiten des Nordens. Ach, Sie leben in Frankfurt? Ja, gerne. Sonst nichts. Kein Stolz, keine Überhebung, nichtmal eine Begründung. Höchstens so eine Art sentimentaler Pragmatismus. Gibt natürlich auch die anderen, Nervensägen, Stumpfböcke, die nicht anders können, als ihre Stadt zu lieben. Fragt man sie warum, geraten sie ins Stottern: Apfelwein, Goethe, Zentralbank. Was für eine Melange, wie Pizza mit Nutella mit Dorschrogen. Aber natürlich: Die Widersprüche. Faszinierend. Wenn ihnen nichts mehr einfällt, sind es immer: die Widersprüche. Und die sind immer: faszinierend. Das Nebeneinander der Kulturen und Ethnien, das so befruchtend sei, nein, bereichernd, Millionäre und Sozialhilfeempfänger, das Eigene und das Fremde, das ewige Meltingpot-Geschwätz, so tolerant, so weltoffen. Aber zu Hause: rasch den Riegel vor und zweimal rumgeschlossen: Double Security-System. Die ganze Stadt zentralverriegelt.

"Dreißig Prozent Ausländer, keine andere deutsche Stadt...", die Fremdenführerin weiß Bescheid. Man arrangiert sich. Verhaßt sind immer jene, die zuletzt kamen. Zuerst die Italiener, hat man sich schon lange dran gewöhnt, dann die Türken, ok, später die Polen und Russen, naja, jetzt allerdings die Handy-Albaner, die den ganzen Tag in den Cafés hocken und wer-weiß-was planen. Nö, tolerant sind wir schon. Jakub Fiszman, ein jüdischer Geschäftsmann aus Frankfurt, ist jetzt zwei Jahre tot. Erschlagen von einem hessischen Malermeister. Und Ignatz Bubis, es sei nochmal gesagt, bevor auch das in die Vergessenheit geredet wird, wollte nicht in Frankfurt beerdigt werden. Er hatte begriffen, dass diese Stadt zum Geldverdienen taugt, zu mehr aber schon kaum. Über dem Eingang einer Kneipe an der Wittelsbacherallee seit Jahren ein großes Transparent: "Wir spielen Musik von den Böhsen Onkelz".

"Unverzichtbar", sagt die Oberbürgermeisterin, sei "eine lebendige, pulsierende, verlockende Innenstadt, die durch Vielfalt anzieht und nicht durch Eintönigkeit langweilt." Aber mit jedem neuen Handyladen, mit jeder Filiale eines Fastfoodrestaurants verschwindet die Stadt. Ich stehe im Bankenviertel. Ich mache die Augen zu, ich mache sie wieder auf: Wo bin ich? Tokio? Hamburg? New York? Egal. Da wundern sie sich, dass zu wenige Touristen die Stadt besuchen. Aber warum sollte noch jemand hierher kommen wollen, wenn es sowieso aussieht wie überall?

Vor der Paulskirche mahnt jemand die soziale Frage an. Es werde Kämpfe geben, große Kämpfe, ruft er. Ich glaube, er hat recht. Die Staatspolizei sei schon wieder auf dem Vormarsch. Aber der Rufer ist verrückt, grindig, stinkt. Läuft barfuß und hat offene Beine. Die Japaner bleiben stehen, lachen und fotografieren ihn. Dahinter das Wahrzeichen der deutschen Demokratie.

Dann wieder die Fremdenführerin: We have many skyscratchers, but we also have the Kuhhirtenturm, or Cowherds’s Tower and the Goethe Tower, the largest wooden tower in Europe and we have the Klappergass and the Ebbelwoi-Expreß and all the stuff.

And, of course, the Dippemess. Heute ist Familientag. Alles zum halben Preis. Das ganze Volk ist auf den Beinen und bevölkert das Volksfest. Die Jugend geht auf hohen Sohlen und lebt schon insofern auf zu großem Fuß. Die Mädchen heißen alle Schessica und die Jungen heißen alle Kevin. Kevin trägt die Haare kurz, hat aber hinten ein langes geflochtenes Schwänzchen, dass man sich beherrschen muß. Die jungen Mütter sind alle Verkäuferinnen, sie tragen Stretch, sind braungebrannt. "Warste im Urlaub?" - "Nee, Studio" - "Sieht cool aus" - "Geil, gell." Bißchen Gestammel, mehr braucht’s nicht, schon hat man neue Freunde gewonnen. Sie kommen aus Groß-Umstadt oder aus Hanau. Vor fünfzehn hätten sie Manta gefahren, jetzt fahren sie Ford Ka.

Ein Mädchen, vielleicht vierzehn Jahre, viel zu groß, viel zu dick, viel zu traurig, steht mit seiner Popcorntüte an der Straßenbahnhaltestelle. Dahinter "Heidruns Trinkstübchen", daneben "Service-Center-Nonstop". Niemand sagt dem Mädchen, dass die Tram zur Zeit nicht fährt. Ein paar junge Türken kommen vorbei, rotieren mit den Hüften, lachen. Wenn alles gut geht, wird das Mädchen in zwei Jahren bei Aldi an der Kasse sitzen. Und erst mit neunzehn Mutter werden.

Heute sterben in Frankfurt wieder 16,8 Leute und 15,9 Babies werden geboren. Wenn das so weitergeht... Achtzig Menschen bringen sich dieses Jahr um, vierundfünfzig Männer, aber nur sechsundzwanzig Frauen. Ich kann sie alle gut verstehen.

Auszuhalten ist es in dieser Stadt doch sowieso nur dort, wo sie am wenigsten Stadt ist. Im kleinen Günthersburg-Park bei mir um die Ecke zum Beispiel, auf dem Rücken liegend an einem warmen Nachmittag im Frühherbst, hochschauen in die Blätter einer Blutbuche, an gar nichts denken, aber den letzten Vögeln zuhören und den Müttern, die nach ihren Kinder rufen. Dann vielleicht noch ein Spaziergang über den Bornheimer Friedhof und sich ein schönes Plätzchen aussuchen für später mal.

Oder oben auf dem Lohrberg, wo wirklich und wahrhaftig Wein angebaut wird, und wo man die ganze Stadt überblicken kann, im Morgendunst die Schlote im Industriegebiet sieht und weiter hinten, bei klarem Wetter, kurz vor dem Spessart das Krotzenburger Kraftwerk. Irgendwo dazwischen das Seckbacher Ried, ein kleines struppiges Schutzgebiet, wo ich neulich um sechs Uhr früh beim Joggen eine Kuh brüllen hörte.

Sollen sie doch, denke ich mir, buddeln, bauen, hochziehen, versiegeln. Irgendwo, am anderen Ende, beginnt es schon wieder zu bröckeln. Und erst dort, im Zerfall, ist wieder sowas wie Leben möglich. Jedenfalls für Beifuß und Taubnessel und in deren Gefolge für den großen Schwalbenschwanz. Und richtig angenehm wird es an diesem Ort erst wieder sein, wenn in hundert oder fünfhundert Jahren die Erinnerung an das, was heute Frankfurt heißt, verblaßt sein wird, wenn da, wo jetzt das Urban Dingsbums Center entstehen soll, vielleicht ein paar verwilderte Schafe auf schwarzer Erde weiden. Und wenn die Worte, die uns heute als naturgegeben gelten, nur noch wie das Gemurmel eines Beschwörungsrituals aus der Bronzezeit klingen.

Und die Menschen, könnte jemand fragen, was ist mit den Menschen? Wie wär’s, wenn die sich dann einfach mal hinten anstellen würden?

Dass ich hier trotzdem gut und gerne lebe? Vielleicht liegt es daran, dass es mir besser geht als den meisten, die hier leben müssen. Und daran, dass ich keine andere deutsche Stadt kenne, nach der es sich lohnte, den Kopf zu drehen.
PS: Sonntagmorgen. Endlich im Städel. Letztes Refugium der Erträglichkeit. Endlich allein. Nur ich und die Alten Meister. Und ein paar Japaner, die Monet suchen, was sich auch wieder nur anhört wie "money". Aber Monet ist wegen Umbau geschlossen, und die Japaner drehen ab. Doch die Nutte aus dem Kaisersack, die finde ich hier wieder, da, auf einem dieser kleinen Kriegsbilder von Goya. Ein Mann hat sie von hinten gepackt und zerrt sie an den Haaren. Ist wohl so, wie Goya sagt: Alle werden fallen.

Scala Background - Stoffwechsel - Film - Scala Menü

Scala.Weissenberger@t-online.de